Freud und das Konzept des “Narzissmus”

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Erklärende Kommentare und
Freud-Zitate zum Thema Narzissmus

Vorbemerkung

Die theoretische Fundierung des Verfahrens „Partnerschafts-Design“ beruht auf dem Zusammenspiel der 25 Module, die wir hier beschreiben. Eines der wichtigsten dieser Konzepte ist der Narzissmus. Nach dem heutigen Sprachgebrauch werden unsere Erklärungen und Erläuterungen zum Wesen des „Narzissmus“ vielen Lesern nicht nachvollziehbar erscheinen. Für alle, die sich für tieferes Verständnis dieses Konzepts interessieren, haben wir hier eine Reihe von Freuds Aufzeichnungen zu diesem Konzept zusammengetragen. Wir stützen uns dabei auf seine weiter unten angegebenen Artikel zu diesem Thema.

Um 1900 publizierte Freud seine Traumdeutung, die seine psychoanalytische Theorie begründete. 1914 veröffentlichte er einen grundlegenden Artikel über den Narzissmus unter dem Titel „Zur Einführung des Narzissmus (Band 10 der „Gesammelten Werke“). In späteren Jahren schrieb er zwei Bände mit Vorlesungen über die Psychoanalyse. In zweien dieser Vorlesungen wird der Narzissmus ebenfalls thematisiert. Es sind die 26. Vorlesung über „Die Libidotheorie und der Narzissmus“ und die 32. Vorlesung über „Angst und Triebleben“.

1. Der Begriff „Narzissmus“

Dem Begriff Narzissmus liegt die Freud’sche Struktur unseres Ichs zugrunde. Dort leben zwei ganz unterschiedliche Triebfamilien zusammen. Einmal, die Ich-Triebe, auch Egoismus-Triebe genannt, mit denen der Betreffende seine Vorhaben, auch gegen Widerstände von außen, energisch in die Tat umsetzt. Die andere Triebfamilie bezieht sich auf Erotik, Lust und Sexualität.

Narzissmus ist sehr eng mit Lust verbunden. Die Ich-Triebe (Egoismus-Triebe) können theoretisch frei von Narzissmus sein, doch wenn ihnen eine Komponente von narzisstischer Lust beigemengt ist, haben wir es mit einem Mischgebilde zu tun.

Von Narzissmus sprechen wir umgangssprachlich, wenn jemand seinen Ich-Trieben unachtsam oder rücksichtslos ziemlich ungehindert freien Lauf lässt.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass anderen die narzisstische Verhaltensweise eines Menschen sofort auffällt, sie dem „Inhaber“ dieser Handlungsweise aber in großem Maße unbewusst bleibt. Aus diesem Umstand ergeben sich viele schwerwiegende Missverständnisse.

2. Der Ursprung des Begriffs

Zur Herkunft des Ausdrucks Narzissmus sagt Freud in seiner 26. Vorlesung: „Narzissmus ist eine von P. Näcke beschriebene Perversion, bei welcher das erwachsene Individuum den eigenen Leib mit all den Zärtlichkeiten bedenkt, die man sonst für ein fremdes Sexualobjekt aufwendet.“ Der Begriff „Perversion“ klingt in heutigen Ohren als abwertend. Man sollte sich dazu vergegenwärtigen, dass Freud psychische Störungen in Neurosen, Psychosen und Perversionen einteilte. In diesem Zusammenhang klingt das Wort „Perversion“ lediglich als eine Form der Klassifizierung bestimmter psychischer Erscheinungen.

3. Die Anfänge des Narzissmus im menschlichen Leben

Der Säugling nimmt die Brust seiner Mutter einmal deswegen, weil er Hunger hat, zum anderen auch deswegen, weil die Mutterbrust bei ihm Lustempfindungen auslöst, die er immer wieder erfahren möchte. Die Regelmäßigkeit, mit der der Säugling an der Brust seiner Mutter trinkt, bestimmt für eine ganze Weile seinen Tagesrhythmus, seinen Lebensinhalt und sein Gefühlsleben. Der Säugling gibt sich dem sinnlichen, dem narzisstischen Genuss der Mutterbrust hin.

In dieser Phase ruht der Mensch voll in seinem kindlichen Narzissmus.

4. Verschiedene Äußerungsformen des Narzissmus

Jeder Mensch befasst sich ständig mit seinem eigenen Körper, z.B. mit Faulenzen in der Morgensonne am Strand, mit Umarmungen seiner Freundin, mit einem genussvollen Essen, mit sinnlichen Küssen. Die Gefühle des Menschen befassen sich oft mit Gelegenheiten, die deutlich spürbare narzisstische Lust erwecken.

Auch die Feier eines Jahrestages der Firma, die er selbst gegründet hat, die Glückwünsche seiner Freunde und der Gedanke an sein prall gefülltes Bankkonto vermitteln deutlich spürbare Lust.

Der Genuss dieser sinnlichen Freuden und das Lustgefühl nach der Ehrungen der Festgäste beziehen sich ausschließlich auf seine eigene Person, nicht auf andere. Dies sind sinnlich empfundene Genüsse, narzisstische Genüsse.

Die gerade genannten Episoden ergeben sich im Leben vieler Menschen. Sie vergehen im Allgemeinen so spontan wie sie gekommen sind. Doch es gibt Menschen, die diese Arten von Genuss systematisch suchen, fördern und ihr ganzes Leben bewusst auf die Häufung solcher Gelegenheiten ausrichten. Diese Menschen sind ausgesprochene Narzissten. Wobei diese Aussage keinesfalls als Werturteil zu verstehen ist, sie besagt lediglich, dass der Betreffende sein Leben auf Häufung von sinnlichen Genüssen, auf Ehrungen und Ansammlung von Macht ausrichtet.

Die Freundin eines stark narzisstischen Mannes kann sich gelegentlich die Frage stellen, ob ihr Freund eigentlich sie persönlich liebt, oder eher die Ehrungen und Genüsse, die er systematisch sucht. Der Freund einer stark narzisstischen Frau kann sich ebenfalls gelegentlich überlegen, ob seine Freundin ihn selbst liebt oder vielmehr die stundenlangen Beschäftigungen mit ihrem persönlichen Look und die in epischer Länge vorgebrachten Darstellungen ihrer persönlichen Befindlichkeiten.

Wir hören immer wieder von Männern, die sich narzisstisch mit ihrem Unternehmen identifizieren, ganz darin aufgehen, und dabei viele menschliche Belange unter den Tisch fallen lassen. Manche vernachlässigte, in ihrem eigenen Narzissmus verletzte Frauen sehen sich durch solche Ehemänner veranlasst, sich ihrerseits narzisstisch aufzuwerten und erschließen sich weite Interessengebiete oder widmen sich anspruchsvollen Ehrenämtern.

5. Freuds Darstellung des Narzissmus

Seine Begriffsbestimmung. In der Psyche des Säuglings befindet sich ausschließlich narzisstische Libido (auf sinnlichen Genuss gerichtete Energie). „Es ist … wahrscheinlich, dass dieser Narzissmus der allgemeine und ursprüngliche Zustand ist, aus welchem sich erst später die Objektliebe (Objekt=jemand, den man liebt) herausbildete, ohne dass darum der Narzissmus zu verschwinden brauchte.“ [26. Vorlesung]

Jeder Handwerker, jeder Arzt, jeder Psychoanalytiker hat sein fachspezifisches Vokabular. Hier einige Ausdrücke Freuds, die seine Texte verstehen helfen.

Libido: In der Seele, im Ich des Menschen, fließt seelische Energie, die aus dem Ich strömt, um sich an Objekten (Partner, Kinder, Geld, irgendwelche Tätigkeiten) festzumachen. Wenn die Beschäftigung mit dem Objekt zu Ende ist, fließt diese Libido wieder ins Ich zurück.

Wenn Freud allgemein über Triebe spricht, nennt er sie oft einfach „Libido“. Wenn aber in einem bestimmten Zusammenhang die Unterscheidung innerhalb der Triebe wichtig ist, spricht er über Ich-Triebe (egoistische Triebe) und über Libido. In diesem Fall versteht er unter Libido sexuelle Triebe.

Objekt(e): alle Personen, Gegenstände und Tätigkeiten, die für den Menschen zum Betrachtungszeitpunkt wichtig sind.

Ich-Libido – Objekt-Libido: Ich-Libido betrifft die Energie, die im Ich verweilt, Objekt-Libido dagegen bezieht sich auf Besetzungsenergie, die auf verschiedene Objekte investiert ist. Freud hierzu: „… wir nehmen an, dass unter normalen Umständen Ich-Libido ungehindert in Objekt-Libido umgesetzt und diese wieder ins Ich aufgenommen werden kann.“

Besetzung, besetzen: Heute würde man sagen: investieren. Das Ich funktioniert wie ein Investor, der in Aktien investiert und sie später wieder verkauft. Das Ich investiert sozusagen in alles (Objekte), was es interessiert. Dabei ist ganz wichtig, dass es sich immer um bestimmte Mengen von Investitionen handelt. Das Ich hat eine bestimmte Menge, ein Grundkapital, von Einheiten zur Verfügung, die es investieren kann. Sagen wir, Eintausend Einheiten. Im Allgemeinen bleibt immer ein großer Teil, mehr als die Hälfte dieser Einheiten, beim Ich, um weiterhin verfügbar zu sein. Es gibt Menschen, die sehr viel investieren, andere hingegen halten immer sehr viele Einheiten in ihrem Ich verfügbar. Das Ich kann jederzeit Investitionen wieder zu sich zurückholen. Das geschieht regelmäßig im Schlaf. Beim Einschlafen holt das Ich alle Investitionen (Freud sagt: Besetzungen) wieder ins Ich zurück, um sie am folgenden Morgen erneut auszusenden.

Beispiel: Ein Mann verliebt sich. Sofort gehen 500 Einheiten zu der Schönen. Er heiratet sie. Er wird Unternehmer. 200 Einheiten fließen in sein Unternehmen. Dabei werden 100 Einheiten von der Schönen abgezogen. Der Mann hat Erfolg, er investiert weitere 200 Einheiten in sein Unternehmen und zieht gleichzeitig 200 Einheiten bei seiner Frau ab. Wir sehen, diese Rechnerei dient der bildlichen Darstellung von Investitionsströmen, die in die verschiedensten Interessen (Objekte) investiert werden. Augenblicklicher Stand: 400 Einheiten bei seinem Unternehmen, 200 Einheiten bei seiner Frau. So schnell kann’s gehen. Und morgen ist wieder ein anderer Tag.

Übrigens: Menschen, die sehr „investitionsfreudig“ sind, verlieren leichter ihre Mitte. Sie gehen Risiken ein und geraten innerlich ins Ungleichgewicht. Wer hingegen praktisch all seine Investitionsmittel aus Trägheit oder aus Vorsicht bei sich selbst behält, wer kaum in Beziehungen investiert, verhält sich besonders narzisstisch. Er behält ungewöhnlich viele seiner Mittel bei seinem Ich.

Es gibt den Fall, dass ein Mensch ausgesprochen selbstverliebt oder eitel ist, und absichtlich sehr viele Einheiten in seine eigene Person investiert. Er handelt narzisstisch und hält praktisch all seine Mittel bei seinem Ich vor.

Hierzu sagt Freud: (23. Vorlesung) „In seltenen Fällen kann man erkennen, dass das Ich sich selbst zum Objekt nimmt, sich benimmt, als ob es in sich selbst verliebt wäre. Daher der der griechischen Sage entlehnte Narzissmus. Aber das ist nur eine extreme Übersteigerung eines normalen Sachverhalts. Man lernt verstehen, dass das Ich immer das Hauptreservoir der Libido ist, von dem libidinöse Besetzungen von Objekten ausgehen, und in das dieselben wieder zurückkehren, während der Großteil der Libido stetig im Ich verbleibt. Es wird also unausgesetzt Ich-Libido in Objekt-Libido umgewandelt und Objekt-Libido in Ich-Libido.“

6. Freuds Überlegungen zu verschiedenen Themen, die die Funktion des Narzissmus illustrieren:

a.) Zahnschmerzen
b.) Der Schlafzustand
c.) Der Reiz bestimmter Frauen
d.) Der Reiz, den Kinder auf uns ausüben
e.) Elternliebe
f.) Der narzisstische Typ der Partnerwahl
g.) Verliebtheit
g.) Lieben und Geliebtwerden
h.) Trennungen
i.) Das Verhältnis von Narzissmus und Egoismus

Die Überlegungen Freuds zu den Themen Frauen, Männer und Liebe stammen aus seinen Beobachtungen an Patienten, nicht an Gesunden. Sie sind vor etwa 100 Jahren geschrieben, in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse, besonders Frauen gegenüber, ganz anders lagen als heute. In vielen Diskussionen erleben wir, wie sich die Gemüter bei diesen Themen erhitzen, ohne die Überlegungen Freuds nachzuvollziehen. Niemand erwartet, dass Sie mit Freud einer Meinung seien. Seine Beobachtungen können jedoch auch heute sehr viel zu Ihrem Verständnis des Narzissmus beitragen.

a.) Zahnschmerzen

Heftige Zahnschmerzen sind ein deutliches Beispiel dafür, wie das Ich seine Besetzungen investiert: Ein Mann ist sehr verliebt und leitet dazu noch begeistert sein eigenes Unternehmen. Die Besetzungsenergien sind stark in die Geliebte und in das Unternehmen investiert. Doch ein heftiger Zahnschmerz setzt ein – Wilhelm Busch hat darüber ein herrliches Gedicht verfasst – und tags darauf liegt der Ärmste mit stark geschwollener Backe schmerzgeplagt im Bett. Alle seine Empfindungen, alle Besetzungen seines Ichs sind von allen Investitionen abgezogen. Geliebte und Unternehmen sind aus seinem Sinn. Seine Überlegungen und seine Empfindungen kreisen ausschließlich um den Zahn, der seine Aufmerksamkeit unaufhörlich fordert.

Hierzu Freud in seiner 26. Vorlesung: „Organische Erkrankung, schmerzhafte Reizung, Entzündung von Organen schafft einen Zustand, der deutlich eine Ablösung der Libido von ihren Objekten zur Folge hat. Die eingezogene Libido findet sich im Ich wieder als verstärkte Besetzung des erkrankten Körperteils.“

Der Egoismus der Kranken ist übrigens kein Charaktermerkmal sondern deutet hin auf das einzige, was ihnen heute wichtig ist, nämlich auf die empfundenen Auswirkungen ihrer Krankheit und auf die Strategie dieser Patienten, wie sie ihre Krankheit loswerden könnten. Nach Abheilen der Krankheit verfliegt auch dieser Egoismus.

b.) Der Schlafzustand

Freud sagt, der Schlaf sei ein Zustand, in welchem alle Objektbesetzungen, die libidinösen wie die egoistischen, aufgegeben und ins Ich zurückgezogen werden.

„Beim Schlafenden hat sich der Urzustand der Libidoverteilung wieder hergestellt, der volle Narzissmus, bei dem Libido (Sexualtriebe) und Ich-Interesse (Ich-Triebe, die er auch egoistische Triebe nennt) noch vereint und ununterscheidbar in dem sich selbst genügenden Ich wohnen.“

c.) Der Reiz bestimmter Frauen

Wer Hunde liebt, schätzt ihre Ansprechbarkeit und ihre eindeutigen Reaktionen auf den Zuruf des Menschen. Katzenliebhaber erfahren häufig, dass die Katze nicht ansprechbar ist, dann wieder macht die Katze was sie will, und unverhofft zeigt sie ihrem Halter ihre Zuneigung. Katzen sind selbstgenügsam, und Psychologen demonstrieren an ihrer Haltung, wie sich einige Eigenschaften des Narzissmus verhalten.

Freud zur Selbstgenügsamkeit einiger Frauen: „Es stellt sich besonders im Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit der Frau her … Solche Frauen lieben streng genommen nur sich selbst mit ähnlicher Intensität wie der Mann sie liebt. Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin, zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingung erfüllt.“

„… Solche Frauen üben den größten Reiz auf die Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch aufgrund psychologischer Konstellationen. Es scheint nämlich deutlich erkennbar, dass der Narzissmus einer Person eine große Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche sich des vollen Ausmaßes ihres Narzissmus begeben haben und sich in der Werbung um die Liebe eines Partners befinden.“

d.) Der Reiz, den Kinder auf uns ausüben

„Der Reiz des Kindes beruht zum großen Teil auf dessen Narzissmus, seiner Selbstgenügsamkeit und Unzugänglichkeit … Es ist so, als beneideten wir sie um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes, einer unangreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufgegeben haben.“

„… Es besteht aber auch die Neigung, alle kulturellen Erwerbungen, deren Anerkennung man seinem Narzissmus abgezwungen hat, vor dem Kinde zu suspendieren und die Ansprüche auf längst aufgegebene Vorrechte bei ihm zu erneuern:“

„Das Kind soll es besser haben als seine Eltern, es soll den Notwendigkeiten des Lebens nicht unterworfen sein. Krankheit, Tod, Verzicht auf Genuss, Einschränkung des eigenen Willens sollen für das Kind nicht gelten, die Gesetze der Natur und der Gesellschaft vor ihm Halt machen, es soll wirklich wieder Mittelpunkt der Schöpfung sein. „His Majesty the Baby“, wie man sich einst selbst dünkte. Es soll die unausgeführten Wunschträume der Eltern erfüllen, ein großer Mann und Held werden an Stelle des Vaters, einen Prinzen zum Gemahl bekommen zur späten Entschädigung der Mutter.“

Freud schließt daraus: „… der Mensch will die narzisstische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren. … Was er als Ideal vor sich hin projiziert, ist der Ersatz für den verlorenen Narzissmus seiner (eigenen) Kindheit, in der er sein eigenes Ideal war.“

e.) Elternliebe

„Die rührende, im Grunde so kindliche Elternliebe ist nichts anderes als der wiedergeborene Narzissmus der Eltern, der in seiner Umwandlung zur Objektliebe sein einstiges Wesen unverkennbar offenbart.“ (Objektliebe – Hier: Liebe zum Kind)

f.) Der narzisstische Typ der Partnerwahl

Freuds Ausführungen hierzu sind besonders aufschlussreich. Sie besagen, jemand wähle in diesem Fall zum Partner einen Menschen, nicht um besonders interessante gemeinsame Erlebnisse zu gestalten, nicht weil man Interesse an dem gemeinsamen Diskurs mit dem Partner unterhält, noch nicht einmal in erster Linie aus sexuellem Interesse, sondern vielmehr, weil der ausgewählte Partner es dem betreffenden besonders erleichtert, eine Entsprechung seiner eigenen Person als Liebesobjekt zu wählen.

Freud sagt, man liebt nach dem narzisstischen Typus:

  • was man selbst ist (man liebt sich selbst),
  • was man selbst war,
  • was man selbst sein möchte,
  • die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war. (Im Falle jungenhafter Mädchen, bei denen sich nach der Pubertät ein frauliches Bewusstsein entwickelte.)

Wer sich ein Sexualideal nach dem narzisstischen Typus wählt, wählt einen Partner, der Vorzüge besitzt, die er selbst nicht erreichen kann. Anders gesagt, bei einer Objektwahl des narzisstischen Typus tritt an die Stelle des eigenen Ichs ein vollkommeneres, aber ihm selbst möglichst ähnliches.

g.) Verliebtheit

Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ich-Libido auf das Objekt. Das Sexualobjekt zieht in der Regel einen Anteil des Narzissmus des Ichs auf sich, was als „Sexualüberschätzung“ des Objekts bemerkbar wird.

Was hier vorgeht, ist schon spannend. Bei unserem Beispiel von 1000 Einheiten, die dem Ich zu den verschiedensten „Investitionen“, Freud sagt: „Besetzungen“ zur Verfügung stehen, besetzt es jeden der Freunde dieser Person mit vielleicht 2 oder 3 Einheiten. Im Zustand des Verliebtseins passieren also zwei Dinge:

Das Ich des Verliebten schickt 200 oder 300 Einheiten auf die geliebte Person. Damit ist die Person enorm wichtig geworden für den Verliebten.

Das Ich wird mit einem Schlag 200 oder 300 Einheiten los, mit der der Verliebte vorher sein Selbstgefühl genährt hatte.

Diese Einheiten fehlen ihm jetzt, wodurch er sich selbst seltsamerweise nicht mehr so viel Wert vorkommt. Dieser Anteil seines Selbstgefühls ist auf das Ich des geliebten Menschen übergeflossen. Durch diese beiden Einflüsse empfindet der Verliebte sich selbst als gering und den geliebten Menschen als „Supermann“ oder als „Superfrau“.

g.) Lieben und Geliebtwerden

Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzissmus eingebüßt und kann es erst durch das Geliebtwerden ersetzt erhalten. Die Besetzungsenergie bleibt beim geliebten Partner. Im Fall von Gegenliebe empfindet der Liebende die Liebesbesetzung des Partners, die auf sein eigenes Ich überfließt, wodurch sich sein Selbstgefühl wieder hebt. Wir sehen, Selbstgefühl ist unter anderem ein Zeichen der Abhängigkeit von narzisstischer Libido.

Das Lieben an sich, als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl herab, das Geliebtwerden, Gegenliebe finden, Besitzen des geliebten Objekts, hebt es wieder.

Geliebtwerden ist das Ziel und die Befriedigung bei narzisstischer Objektwahl. Liebe ganz ohne narzisstische Komponente ist schlecht vorstellbar. Das wäre etwa so, als würde man jemanden lieben, ohne mit seinem eigenen Ich daran beteiligt zu sein.

Wer den geliebten Partner beherrschen will, verstärkt seine narzisstische Bindung an ihn. Bei autoritären oder possessiven Persönlichkeiten kommt nämlich noch eine narzisstische Komponente hinzu: Selbstgefühl ist in diesem Fall auch Ausdruck der Ich-Größe. „Alles, was man besitzt oder erreicht hat, jeder durch die Erfahrung bestätigte Rest des ursprünglichen, frühkindlichen Allmachtgefühls, hilft das Selbstgefühl steigern.“, sagt Freud.

h.) Trennungen

Eine Trennung, ein Verlassenwerden von dem geliebten Menschen, wird als heftige narzisstische Verletzung empfunden. Die Liebesbesetzung bleibt noch lange Zeit bei dem geliebten Partner, der sie nicht mehr haben will. Erst allmählich gelingt es dem verlassenen Partner, seine Besetzung des verschwundenen Partners in sein Ich zurückzuführen. „Die Rückkehr der Objektlibido zum Ich, deren Verwandlung in Narzissmus, stellt gleichsam wieder eine glückliche Liebe dar“, sagt Freud. Der Schmerz des Verlassenwerdens ist jedoch eine ganze Zeitlang viel heftiger als das Wohlempfinden darüber, nun wieder Herr im eigenen Haus, nun wieder Herr im eigenen Ich zu sein. Erst nach einigen Jahren stellt der Verlassene fest, dass er sich wieder ohne den früheren Partner wohl fühlen kann: Die Objektlibido ist vollständig zum Ich zurückgekehrt.

Eine neue Liebe kann den Trennungsschmerz plötzlich außer Kraft setzen. Es gelingt blitzartig, einen großen Teil der Besetzungen des früheren Partners ins Ich zurückzuziehen um sie auf einen neuen Partner zu richten: Neue Liebe, neues Glück.

i.) Das Verhältnis von Narzissmus und Egoismus

Narzissmus und Egoismus stehen in enger Beziehung zueinander.

Der Ausdruck „Egoismus“ bedeutet das nüchterne Streben eines Individuums nach Nutzen, ohne dabei die Ansprüche anderer zu achten.

Narzissmus bedeutet das Gleiche, doch ist dem Streben des Individuums nach Nutzen eine Lustkomponente beigemengt, die in manchen Fällen von übersteigertem Narzissmus das Ich des betreffenden erst so richtig aufbläht. In solchen Fällen sind Diskussionen nicht zielführend.

Freud: „Narzissmus ist die libidinöse Ergänzung zum Egoismus. … Egoismus: nur der Nutzen für das Individuum – Narzissmus: man zieht auch seine libidinöse Befriedigung in Betracht.“

7. Stichworte und Freuds Ausführungen in den Artikeln:

a. „Zur Einführung des Narzissmus“, Band 10 der Gesammelten Werke
b. 26. Vorlesung „Die Libidotheorie und der Narzissmus“, Band 11 der Gesammelten Werke
c. 32. Vorlesung „Angst und Triebleben“, Band 15 der Gesammelten Werke

Wir haben hier verschiedene Stichworte und die Stellen angegeben, an denen Sie in Freuds oben erwähnten Texten zum Narzissmus aufgeführt werden. Unsere Liste führt auf: den Titel des Aufsatzes, den Band, in dem er enthalten ist, die Seitenzahl, das Stichwort und Freuds Bemerkungen oder Ausführungen dazu.

Zur Einführung des Narzissmus – in Band 10

Seite 139 – Größenwahn, Abwendung des Interesses von der Außenwelt
Seite 140 – Überschätzung der Macht ihrer Wünsche
Objektbesetzung
Verliebtheit: Aufgabe der Besetzung des Ichs zugunsten der Besetzung des Objektes
Seite 143 – Ichlibido – Objektlibido
Seite 148 – Zahnschmerzen – Wilhelm Busch
Seite 149 – Egoismus der Kranken
Traum-Wunscherfüllung
Schlafzustand: Rückzug der Libidobesetzungen auf das Ich
Seite 154 – narzisstische Objektwahl: Die eigene Person als Liebesobjekt
Seite 155 – Selbstgenügsamkeit von Frauen: Sich selbst als sexuelles Objekt wählen

Es stellt sich besonders im Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit der Frau her, welche sie für ihre sozial verkümmerte Freiheit der Objektwahl entschädigt. Solche Frauen lieben streng genommen nur sich selbst mit ähnlicher Intensität wie der Mann sie liebt. Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin, zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingung erfüllt.

… Solche Frauen üben den größten Reiz auf die Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch aufgrund psychologischer Konstellationen. Es scheint nämlich deutlich erkennbar, dass der Narzissmus einer Person eine große Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche sich des vollen Ausmaßes ihres Narzissmus begeben haben und sich in der Werbung um die Objektliebe befinden.

Der Reiz des Kindes beruht zum großen Teil auf dessen Narzissmus, seiner Selbstgenügsamkeit und Unzugänglichkeit … Es ist so, als beneideten wir sie um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes, einer unangreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufgegeben haben.

Seite 156 – Übersicht der Wege zur Objektwahl

Man liebt nach dem narzisstischen Typus:

  • Was man selbst ist (man liebt sich selbst),
  • was man selbst war,
  • was man selbst sein möchte,
  • die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war. (Einst knabenhafte Mädchen, die zu Frauen wurden)

Seite 157 … Es besteht aber auch die Neigung, alle kulturellen Erwerbungen, deren Anerkennung man seinem Narzissmus abgezwungen hat, vor dem Kinde zu suspendieren und die Ansprüche auf längst aufgegebene Vorrechte bei ihm zu erneuern. Das Kind soll es besser haben als seine Eltern, es soll den Notwendigkeiten des Lebens nicht unterworfen sein. Krankheit, Tod, Verzicht auf Genuss, Einschränkung des eigenen Willens sollen für das Kind nicht gelten, die Gesetze der Natur und der Gesellschaft vor ihm Halt machen, es soll wirklich wieder Mittelpunkt der Schöpfung sein. His Majesty the Baby, wie man sich einst selbst dünkte. Es soll die unausgeführten Wunschträume der Eltern erfüllen, ein großer Mann und Held werden an Stelle des Vaters, einen Prinzen zum Gemahl bekommen zur späten Entschädigung der Mutter.

Die rührende, im Grunde so kindliche Elternliebe ist nichts anderes als der wiedergeborene Narzissmus der Eltern, der in seiner Umwandlung zur Objektliebe sein einstiges Wesen unverkennbar offenbart.

Seite 160 – nichts als die Art beachten, wie sie dem Ichinteresse dienen
Die Verdrängung geht von der Selbstachtung des Ichs aus.

Seite 161 – Manche haben ein Ideal in sich aufgerichtet, an welchen sie ihr aktuelles Ich messen.
Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich genoss. Der Narzissmus scheint auf dieses ideale Ich verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten befindet.

… der Mensch will die narzisstische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren.

Was er als Ideal vor sich hin projiziert, ist der Ersatz für den verlorenen Narzissmus seiner Kindheit, in der er sein eigenes Ideal war.

Seite 162 – Die Idealbildung steigert die Anforderungen des Ichs. – Wird zum Gewissen.

Seite 163 – Das Abziehen von homosexueller Libido zur Bildung des narzisstischen Ich-Ideals.

Seite 165 – Selbstgefühl als Ausdruck der Ichgröße. … Alles, was man besitzt oder erreicht hat, jeder durch die Erfahrung bestätigte Rest des primitiven Allmachtgefühls, hilft das Selbstgefühl steigern.

… Selbstgefühl – Abhängigkeit von narzisstischer Libido.

… Geliebtwerden das Ziel und die Befriedigung bei narzisstischer Objektwahl.

Seite 166 … Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzissmus eingebüßt und kann es erst durch das Geliebtwerden ersetzt erhalten.

Seite 167 – Das Lieben an sich, als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl herab, das Geliebtwerden, Gegenliebe finden, Besitzen des geliebten Objekts hebt es wieder.

Die Rückkehr der Objektlibido zum Ich, deren Verwandlung in Narzissmus, stellt gleichsam wieder eine glückliche Liebe dar…

Seite 168 – Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom primären Narzissmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wieder zu gewinnen. Diese Entfernung geschieht vermittels der Libidoverschiebung auf ein von außen aufgenötigtes Ich-Ideal.

Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ichlibido auf das Objekt.

Seite 169 – Was den dem Ich zum Ideal fehlenden Vorzug besitzt, wird geliebt.

Sich ein Sexualideal nach dem narzisstischen Typus wählen, welches die von ihm nicht zu erreichenden Vorzüge besitzt.

26. Vorlesung
Die Libidotheorie und der Narzissmus – in Band 11

Seite 428 – Ichtriebe und Sexualtriebe treten uns beide nur als Benennungen für Energiequellen des Individuums entgegen.

Seite 431 – Narzissmus: eine von P. Näcke beschriebene Perversion, bei welcher das erwachsene Individuum den eigenen Leib mit all den Zärtlichkeiten bedenkt, die man sonst für ein fremdes Sexualobjekt aufwendet.

Es ist … wahrscheinlich, dass dieser Narzissmus der allgemeine und ursprüngliche Zustand ist, aus welchem sich erst später die Objektliebe herausbildete, ohne dass darum der Narzissmus zu verschwinden brauchte.

… wir nehmen an, dass unter normalen Umständen Ichlibido ungehindert in Objektlibido umgesetzt und diese wieder ins Ich aufgenommen werden kann.

Seite 432 – das psychische Verhalten in der Verliebtheit, bei organischem Kranksein, im Schlaf

Schlaf: ein Zustand, in welchen alle Objektbesetzungen, die libidinösen wie die egoistischen aufgegeben und ins Ich zurückgezogen werden.

Beim Schlafenden hat sich der Urzustand der Libidoverteilung wieder hergestellt, der volle Narzissmus, bei dem Libido und Ichinteresse noch vereint und ununterscheidbar in dem sich selbst genügenden Ich wohnen.

Narzissmus ist die libidinöse Ergänzung zum Egoismus. Egoismus: nur der Nutzen für das Individuum – Narzissmus: man zieht auch seine libidinöse Befriedigung in Betracht.

Seite 433 – Das Sexualobjekt zieht in der Regel einen Anteil des Narzissmus des Ichs auf sich, was als die so genannte „Sexualüberschätzung“ des Objekts bemerkbar wird.

Seite 434 – Organische Erkrankung, schmerzhafte Reizung, Entzündung von Organen schafft einen Zustand, der deutlich eine Ablösung der Libido von ihren Objekten zur Folge hat. Die eingezogene Libido findet sich im Ich wieder als verstärkte Besetzung des erkrankten Körperteils.

Seite 436 – Wir können uns auch vorstellen, dass es eben darum zur Objektbesetzung gekommen ist, dass das Ich seine Libido aussenden musste, um nicht an ihrer Stauung zu erkranken.

Seite 440 – Größenwahn als Folge der Ichvergrößerung durch die Einziehung der libidinösen Objektbesetzungen, ein sekundärer Narzissmus als Wiederkehr des frühinfantilen.

Seite 442 – Die homosexuelle Objektwahl liegt dem Narzissmus ursprünglich näher als die heterosexuelle. Wenn es dann gilt, eine homosexuelle Regung abzuweisen, so ist der Rückweg zum Narzissmus besonders erleichtert.

Objektwahl des narzisstischen Typus: indem an die Stelle des eigenen Ichs ein ihm möglichst ähnliches tritt.

Seite 444 – Die Schöpfung des Ideal-Ichs geschah in der Absicht, jene Selbstzufriedenheit wiederherzustellen, die mit dem primären infantilen Narzissmus verbunden war, die aber seither so viele Störungen und Kränkungen erfahren hat.

Seite 446 – Angst: Menschen, die große Lebensgefahren bestanden haben, erzählen, sie haben sich gar nicht geängstigt, bloß gehandelt, z.B. das Gewehr auf das Raubtier angelegt, und das war bestimmt das Zweckmäßigste.

32. Vorlesung
Angst und Triebleben – in Band 15

Seite 109 – In seltenen Fällen kann man erkennen, dass das Ich sich selbst zum Objekt nimmt, sich benimmt, als ob es in sich selbst verliebt wäre. Daher der der griechischen Sage entlehnte Narzissmus. Aber das ist nur eine extreme Übersteigerung eines normalen Sachverhalts. Man lernt verstehen, dass das Ich immer das Hauptreservoir der Libido ist, von dem libidinöse Besetzungen von Objekten ausgehen, und in das dieselben wieder zurückkehren, während der Großteil der Libido stetig im Ich verbleibt. Es wird also unausgesetzt Ichlibido in Objektlibido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido. …

Seite 142 – Die Bedingungen der Objektwahl der Frau sind häufig genug durch soziale Verhältnisse unkenntlich gemacht. Wo sie sich frei zeigen darf, erfolgt sie oft nach dem narzisstischen Ideal des Mannes, der zu werden das Mädchen gewünscht hatte. Ist das Mädchen in der Vaterbindung, also im Ödipuskomplex verblieben, so wählt es nach dem Vatertypus. Da bei der Wendung von der Mutter zum Vater die Feindseligkeit der ambivalenten Gefühlsbeziehung bei der Mutter verblieben ist, sollte eine solche Wahl eine glückliche Ehe versichern. Aber sehr oft tritt der Ausgang ein, der eine solche Erledigung des Ambivalenzkonflikts im Allgemeinen bedroht.

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